Was für ein Hammer von Endstufe! Es muss Sommer oder
Herbst 1981 gewesen sein. Der lange Fußmarsch aus der
Aachener Altstadt ins Ostviertel hatte sich jedenfalls gelohnt.
Die drei hifibegeisterten Teenager, darunter der Autor, kosteten
seinerzeit die Händlerschaft der Kaiserstadt zweifellos
Nerven, kamen dafür aber stets in den Genuss der allerbesten
Vorführungen.
Und es sollte sich für die Händler
künftig auch noch lohnen - und die schienen das zu ahnen.
Bei RAE, gleichzeitig der deutsche Vernissage-Vertrieb, spielte
ein brandneuer Endverstärker deutscher Provenienz. „Vernissage" -
auf deutsch „Ausstellung". Nie gehört. Aber
was dieses mit mächtigen Kühlrippen und altdeutschem
Schriftzug versehene Schlachtschiff aus einem Pärchen
- wenn ich mich recht erinnere - Infinity RS 2.5 an Musik
hervorzauberte, prägte jeden der drei Jugendlichen nachhaltig.
Einer wurde Musiker, der Zweite hat die größte
mir bekannte Tonträgersammlung, der Dritte testet heute
HiFi-Komponenten. Noch Fragen? Die Vernissage Kraft 100,
eine fast einen Zentner schwere und zu dieser Zeit knapp
8000 Mark teure Endstufe, hatte bleibenden Eindruck hinterlassen. Wir
kamen nun häufiger in dieses Studio, zumal niemand sonst
in der Stadt, in der - mit löblicher Ausnahme vom Klangpunkt
im Uni-Viertel - heute Media Markt und Saturn mit faszinationsloser
Geizgeilheit herrschen, eine solch überlegene Demonstration
hinbekam.
Direktschnitte von Jeton und Sheffield mit „Single
Speaker Demonstration" in einem großzügigen
Wohnraum und Zeit satt. Das audiophile Paradies! Dass die
Infinity zudem extrem schwierig zu betreiben war, erfuhr
ich erst viel später. Die Vernissage ließ das
nicht spüren, sie hatte das Impedanz-Biest am kurzen
Zügel und prügelte härteste Bassimpulse aus
ihm heraus wie sie ihm die zartesten und farbigsten je gehörten
Frauenstimmen entlocken konnte. Das Unternehmen Vernissage
war da bereits über zwei Jahre alt, entstanden in einem
Eiscafe, wo sich Alleininhaber Rolf Gemein mit zwei Mitstreitern
traf und den Plan ausheckte, die erste deutsche und zugleich
die weltbeste Super-Endstufe zu bauen. Und Milbewerber gab
es damals etwa mit Mark Levinson, Krell, Threshold und den
diversen Unternehmungen des James Bongiorno reichlich. Es
war die Blütezeit des High End, als eine gute Anlage
mehr als alles andere - abgesehen vielleicht vom Mercedes
vor der Tür - das Statussymbol schlechthin darstellte.
Im Frühjahr 1981 war es dann schließlich soweit.
Das Ziel, den Angstgegner, die amerikanische ML-2, bis heute
international eine Legende, sowohl klanglich als auch an
Leistung in reinem Class-A-Betrieb zu übertrumpfen,
schien gelungen.
Rolf Gemein hatte frühzeitig erkannt, dass ein Schlüssel
zu erstklassiger Klangqualität im Ruhestrom einer Endstufe
zu finden war. Denn dass ein Verstärker seidiger und feiner
klingt und die Kontrolle über einen Lautsprecher zunimmt,
wenn der Ruhestrom erhöht wird, ist wohl eine anerkannte
Tatsache. Bewiesen übrigens durch Pioneers kleine M-22
sowie jene ML-2, die nochmals besser klang als die erheblich
kräftigere B-Variante ML-3 (siehe STEREO).
Die Gegenseite der Medaille ist die Effizienz, denn gegenüber
Gegentakt-Class B-Verstärkern wächst der Energiebedarf,
während die Verlustwärme extrem ansteigt und die
Leistung ebenso deutlich abfällt. Dem steuerte man bei
Vernissage durch das ungeheuer aufwändige Gehäuse
ebenso entgegen wie durch die Überdimensionierung aller
wesentlichen Bauelemente. Zwei, sprich kanalgetrennte Ringkerntrafos
mit zusammen 1200 VA, flaschengroße Siebelkos und eine
Armada hoch selektierter Leistungstransistoren standen Gewehr
bei Fuß, um sich der Musiksignale des Vorverstärkers
würdig anzunehmen. Die damals schon für eine Bandbreite
bis zu ultraschnellen 1,5 Megahertz „gute" Schaltung
wurde schließlich bewusst auf rund 130 Kilohertz gedrosselt,
um sie unter allen Bedingungen HF-resistent zu halten. Wesentliche Schaltungsteile, vor allem die Treiberstufe,
wurden vergossen, um Kopien zu erschweren. Die Hauptplatine
fiel schon damals durch extreme Kompaktheit auf, was kurze
Signalwege bedeutete und so ein Problem löste, das insbesondere sehr
starke Endstufen mitunter sogar gegenüber ihren kleineren
Geschwistern ins Hintertreffen bringt. Eine SL Kraft 250 (siehe
Kasten oben) kennt dieses Problem übrigens auch nicht.
Wen wundert's?
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| Pressespiegel |
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| Die deutsche Super-Endstufe
erfreute die High Ender |
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Die Kraft 100 von Vernissage schaffte es sowohl
auf den Titel von „HiFi Exklusiv" als
auch von „Das Ohr", dem Kultmagazin des
ehemaligen, leider früh verstorbenen HE/STEREO-Redakteurs
und Verstärkerexperten Klaus Renner. In einem
ausgiebigen Test fühlte man dem Boliden in HiFi
Exklusiv 2/1982 auf den Zahn: „Überhaupt
ist - nach Angabe des Herstellers - nirgendwo an
Aufwand gespart worden, wenn man sich eine klangliche
Verbesserung davon erhoffen konnte. Dies bezeugen
die silbernen Eingangskabel, der Mu-Metallschirm
der Ringkerntrafos, der eisenlose Gehäuseaufbau
und nicht zuletzt die teuren Widerstandstypen. Alle
Verstärkerstufen sind symmetrisch aufgebaut
und einzeln gegengekoppelt. So konnte die Über-alles-Gegenkopplung
gering gehalten werden.
Mit der Schaltung will man
nach jahrelanger Entwicklung den Durchbruch zu vollkommen
neuen klanglichen Maßstäben geschafft
haben und hüllt sich über deren Details
verständlicherweise in Schweigen. Vernissage
betont, dass die Kraft 100 nicht nach rein messtechnischen
Gesichtspunkten optimiert wurde."
Da seinerzeit aber noch sehr viel mehr Wert auf die
Messtechnik als auf das Hörerlebnis gelegt wurde
als heute, stellte man neben viel Lob, auch Schönheitsfehler
fest, die Schwierigkeiten aufdeckten, mit der Kleinunternehmen
zu kämpfen hatten: Die beiden getesteten Geräte
waren nicht gleich. Eines lieferte Rauschwerte, das
andere Klirrwerte, die zwar nicht dramatisch schlecht,
aber nicht ganz standesgemäß waren. An Leistung
wurden 116,3 Watt an 8 und 189 Watt an 4 Ohm gemessen,
wobei die Endstufe trotz ihrer beachtlichen Größe
mächtig warm wurde. Die Fans, die sich das Ergebnis
anhörten, waren ausnahmslos begeistert. |
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| Aktion für Vernissage-Besitzer |
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| Rolf Gemein, einst Vernissage-Eigentümer, macht
Kraft 100-Besitzern in STEREO ein verführerisches
Angebot: |
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| Statt der betagten Vernissage- kommt neue, überlegene
und maßgeschneiderte Symphonic Line-Elektronik
in das schmucke, zunächst komplett ausgeräumte
Gehäuse. Kostenpunkt: 6000 Euro. Infos unter Tel.:
0203/315656. Vernissage-Reparaturen werden nicht angeboten! |
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