Liest man Prospekte oder studiert die Symphonic-Line-Homepage,
taucht ein Wort häufiger auf als andere: Freude.
Freude ist positiv besetzt, wenn ich von der rheinischen
Frohnatur einmal absehe. Freude kann sich als Lachen äußern,
lachen erzeugt Glücksgefühle und hält angeblich
sogar gesund.
Freude entsteht zum Beipiel bei positiver Soll-Ist-Abweichung
oder emotionaler Entspannung. Diese beiden Betrachtungen
lege ich meinem Bericht über das Kraftwerk MK2 der Duisburger
Manufaktur zugrunde. Was ist das "Soll", das nach
gängiger High-End-Diktion ein Vollverstärker erfüllen
muss oder kann? Nun, getrennte Vor-End-Kombis sind zunächst
einmal qua definitionem besser, oder?
Wie, Sie haben einen Vollverstärker? Der aufgeklärte
Steller dieser Frage fügt zumeist das weggelassene "nur" durch
pikierten Augenaufschlag wieder hinzu. Also: Vollverstärker
sind doof. Sie sind Spielzeug der Bourgeoisie, der Adel kauft
separate Vor- und Endstufen, letztere selbstverständlich
als Mono-Blöcke. Andererseits wird, unter der Hand,
leise und zögerlich befürchtet, dass die kurzen
Signalwege in Verbindung mit weniger Gehäusekosten ein
hervorragendes Verhältnis von Preis und Leistung ergeben
könnten. In diesem Dilemma bewegen sich Interessenten,
Betreiber, Verkäufer sowie Rezensenten von Vollverstärkern.
Und deren Hersteller. Die aus technischer Sicht wahrscheinlich
schlimmsten Störer, die Netztrafos mit zugehöriger
Infrastruktur, verbannt Symphonic Line in zwei identische
- dem aranyaglänzenden Hauptgerät durch profanes
schwarz optisch unterlegene - Gehäuse, die mit ausreichend
mitgelieferter Kabellänge in weiter Entfernung der eigentlichen
Klangentstehung Platz finden. Die "kleinen" schwarzen
sind vom Format identisch, wiegen underschiedlich und haben
verschiedene Aufgaben. Eines versorgt mit seinem 300 Watt
Mumetalltrafo die Vorstufensektion und mein dringender Rat
ist, es immer am Netz zu lassen. Denn im Gegensatz zu seinem
700-Watt-Kollegen im anderen Gehäuse ist es nicht nach
einer halben Stunde klangbereit, benötigt im Leerlauf
dafür aber auch nur ca. 20 Watt. Der analytische Pharisäer
könnte nun zu dem Schluss kommen, dass diese
Anordnung im Grunde ja noch besser wäre, als die Trennung
von Vor- und Endstufe. Denn dabei liegen die Trafos in den
Gehäusen und können in den Klangweg spucken. Na
bitte, wenn Sie so wollen... Kommen wir zum eigentlichen
Verstärker, der fast genauso daher- kommt wie alle aus
diesem Hause. Fast? Zwei Dinge sind äußerlich
anders als bei den Bestsellern RG9, RG10 und RG14. Die drei
Bedienknöpfe des Kraftwerks MK2 sind nicht nebeneinander,
sondern in Form eines gedachten "> "-Zeichens
angeordnet. Und es sind nur drei statt der gewohnten vier.
Dafür zeigen sechs auf der Oberseite nach hinten und
zwei an den Seitenwänden verlaufende Kühlgitterreihen,
wer hier Schmidt und wer Schmidtchen in Duisburg ist: das
Krafwerk MK2 steht an der Spitze der Integrierten. Und zweimal
180 Watt Sinus an acht Ohm maßregeln selbst schwierige
Lautsprecher. Die technischen Unterschiede sind im wesentlichen
eine völlig neue modulare Vorstufe, die doppelte Netzteilauslegung,
die höhere Leistungsfähigkeit durch eine größere
Endstufe mit drei Pärchen pro Seite der derzeit besten
Endtranistoren, einem großen Class A-Anteil sowie eine
Schaltungstopologie, die von der Topendstufe Kraft 250 entliehen
wurde. Dazu eine ganze Batterie feinster für Symphonic Line gefertigter Kondensatoren. Die Austattung ist umfassend.
Vier Line-Eingänge (zweimal Aux, Tuner, CD) und ein
Kopfhörerverstärker (6,3mm-Buchse) sind vorhanden.
Die Vor-/Endstufensektion ist auftrennbar, was Sie aber sofort
nach dem Lesen wieder vergessen können. Denn dieser
Verstärker ist so gut, dass diese Möglichkeit
zu nutzen womöglich bedeuten würde, Synergien zu
verschwenden. Mehr dazu und zum ebenfalls serienmäßigen
Phonoeingang weiter unten. Weiterhin liegt eine Fernbedienung
für die Lautstärke bei und alle Kabelverbindungen
der drei Gehäuse miteinander und natürlich ein
Netzkabel (ich verwende allerdings hartnäckig ein HMS
Gran Finale Jubilee).
Wieviel Freude bereitet es dem Hörer, das Kraftwerk
MK2?
Etwas Geduld wird vom Käufer gefordert. Das Gerät
benötigt eine sehr lange Einspielzeit von ungefähr
zwei Wochen, bevor 100 Prozent Klangqualität erreicht
sind. In dieser Beziehung unterscheidet es sich nur unwesentlich
vom CD-Player Symphonic Line Reference MK2 (siehe HE 59).
Anlässlich einer jüngst im Fernsehen konsumierten
Dokumentation über das Gershwinsche in Bernsteins Kompositionen
beginne ich mit Gershwin. Vom emotionalen Ansatz bleibt die
alte RCA-Aufnahme mit den Boston Pops unter Arthur Fiedler
führend (RCA LSC 2367, 1960). Der Testproband hat mir
deutlich den Unterschied zwischen meiner Ur-Shaded-Dog und
dem Chesky-Reissue aus den 90ern (Chesky-LP RC8) aufgezeigt. Das
stark reduzierte Bassfundament kompensiert die alte
Scheibe mit tieferer Klangbühne und strahlenderen Farben.
Macht nichts, sagt der späte New Yorker Zwilling, dafür
habe ich kaum Laufgeräusche und bin viel stabiler in
der Projektion. Besonders letzteres führt es mir sehr
zwingend vor Ohren, das Kraftwerk. Gar nicht so einfach,
mir neue Unterschiede zu präsentieren, da ich die beiden
Platten in- und auswendig kenne. Nun, mit dem Kraftwerk ist
das überhaupt kein Thema.
Der Opener "The house is haunted by the echo of your
last goodbye" von Holly Coles gleichnamigem Album (T&M
039; 2006) präsentiert Instrumente, deren Kombination
für den klassisch orientierten Hörer ungewöhnlich,
aber sehr reizvoll ist. Neben dem Klavier nehmen Alt-, Tenor-,
Basssaxophon und Posaune teil an dem wunderbaren Song.
Die Protagonisten werden vom Testobjekt ultrapräzise
im Raum verteilt, die lupenreinen Bässe des Basssaxophons
machen mir dabei fast Angst. So eine sauber-präzise
und dabei holographische Klangqualität ist sehr, nein:
sehr, sehr selten! Bei der Gelegenheit meinen Dank an die
Aufnahmeleute von Holly Cole. Es gibt sie also doch noch,
mit Liebe und Kompetenz aufgenommene Alben, die nicht nur
auf MP3-Brüllwürfeln abspielbar sind. Bruckners Fünfte beginnt mit arpeggierten, tiefen Streicherlagen
in die sich im Verlauf Geigen und Violen eincremen, bevor
Trompeten choralartig intonieren. Das wirkt sakral und gleichzeitig
aufreibend, emotional. In der Liveeinpielung des Aufnahmehassers
Sergiu Celibidache (EMI 7243 5 56691 2; 2 CDs) gewinnt der
großartige Dirigent wie meistens seine Hörer vom
ersten Takt an. Atemlose Spannung und aufs Feinste ausgehörte
Artikulation machen seine posthum publizierten Interpretationen
zu Schätzen. Diese Werte bringt der Verstäker aus
Duisburg in meinen Hörraum. Das Pulsen des Blechs? Das
Plucken der Stakkati? Das Schmelzen der Streicher im "Adagio"?
Mittelmäßig aufgenommen, aber ausgezeichnet reproduziert!
Auch hierbei fällt die tonale Reinheit des Verstärkers
und das ferrarieske Impulsverhalten auf. Erholungsphasen
hat das Kraftwerk nicht nötig. Mit Hilfe von Neil Diamonds "Oh
Mary" (Sony CD 82876761312; 2005) kläre ich einen
Irrtum auf, der beim Hören des Kraftwerks auftreten
kann: zu wenig Baß. Das ist falsch! Die bärige
Stimme Diamonds geht sehr tief in den Keller, aber sie verfettet
nicht. Durch Artefakte aufgeblähte, loudnessartige Baßwiedergabe
dürfen Sie vom Kraftwerk nicht erwarten. Aufgrund seiner
Schnelligkeit und Präzision bleibt die Wiedergabe hingegen
auch in der Tiefe sauber, rein und nie überpräsent.
Natürlich habe ich das für die Meßfreaks
unter Ihnen mit Hilfe einer geeigneten Testton-CD überprüft.
Und es geht ohne Verluste bis hinunter auf 35 Hertz, wo meine
Lautsprecher allerdings langsam die Segel zu streichen beginnen. Übrigens:
LPs habe ich mit der serienmäßigen Phonostufe
des Kraftwerks gehört. Eine ausgezeichnete Möglichkeit,
Ihre Schallplatten auf höchstem Niveau wiederzugeben!
Mit dem Zyx und dem Dynavector habe ich keine einfachen Partner
gewählt; das sind niederohmige Systeme gepaart mit sehr
geringer Ausgangsspannung. Und was insbesondere die Kombination
Brinkmann 10.5 mit Dynavector Te Kaitora Rua und Kraftwerk-Phonostufe
bringt, braucht sich nicht so schnell zu verstecken. Im Gegenteil:
Mit dem 220-Ohm-Abschluß ist die klangliche Performance
des MK2 deutlich näher an meiner externen Bonnec Fono
SXL, als das eigentlich aufgrund des Preises sein sollte.
Und Rausch oder Brumm glänzen durch Abwesenheit. Wenn
Sie Ihrem Händler bei der Bestellung nichts anderes
sagen, sind Anpassungen von 100 und 1000 Ohm voreingestellt
(die MM-Fähigkeit ist immer mit "an Bord").
Da ich mit diesen Werten wenig anfangen kann, habe ich 220
und 470 Ohm bestellt. Offen bleibt nur der Wunsch, die Phonowerte
einstellen zu können, ohne das Gerät zu öffnen.
In den langen Jahren meiner Beschäftigung mit Musik
und HiFi habe ich einen besonderen "Indikator" für
das Rechts-Links-Verhalten, also die Kanalgleichheit gefunden.
Es handelt sich um Aufnahmen, die um die Jahrhundertwende
entstanden sind. Um die vorletzte Wende, meine ich. Bevor
Sie darüber lachen, bitte erst zu Ende lesen. Auf "The
HMV Treasury - The Great Violinists Volume 1" sind Violinaufnahmen
von 1900 bis 1913! Die sind klanglich betrachtet natürlich
indiskutabel. Aber aus zwei Gründen hochinteressant.
Zunächst wegen der Interpreten, oder haben Sie schon
mal eine Aufnahme gehört, wo Joseph Joachim, Fritz Kreisler,
Pablo de Sarasate, Eugene Ysaye, Jaques Thibaud, Willy Burmester
oder Jan Kubelik höchstselbst spielen? Zweitens ist
es reinstes Mono und damit prima geeignet, die Ausrichtung
der Lautsprecher, oder, wenn schon erledigt, eventuelle Kanalungleichheiten
Ihrer Komponenten zu entlarven. Besonders die Einspielungen
von Sarasate aus dem Jahre 1903 müssen dabei - nicht
größer als eine Briefmarke - genau mittig zwischen
den Lautsprechern auf etwa halber Höhe erscheinen. Daß es
beim Symphonic Line (unabhängig von der Lautstärke)
genau so ist, muß ich nicht extra erwähnen, oder?
Nur am Rande: wo ein Volume 1, da gibt es auch ein Volume
2. Sollten Sie die LP zufällig übrig haben,
ähm, bitte denken Sie an mich.
Fazit:
Das Symphonic-Line-Kraftwerk
MK2 nimmt den Kampf mit wesentlich teureren Bolidenkombinationen
auf, es ist klanglich, haptisch und preislich ein Gewinn
für die High-End-Szene. Und
wer weiß, vielleicht vertreibt es auch in Ihrem Musikzimmer
letzte Klangprobleme und schafft dauerhafte Freu(n)de.
Ende des Testberichts |